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Behandlung von traumatisierten Kindern im Irak

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Das Ausbildungsprojekt der "Children of Baghdad"

Im Juni 2003 wurde das Ausmaß des dritten Golfkrieges im Irak sichtbar. Besonders die Kinder lit­ten unter der immer schlimmer werdenden Situation. Die Knapp­heit an Nahrungsmitteln und die Verwüstungen in den Städten ver­setzten die Menschen in eine kata­strophale physische und psychi­sche Lage. Viele der Kinder im Irak sind dadurch traumatisiert. Krieg ist immer auch Krieg gegen Kin­der. Aufgrund dieser menschenun­würdigen Situation im Irak ent­wickelte sich bei mir das Bedürfnis zu helfen und ein Projekt für psy­chisch traumatisierte Kinder in Bagdad ins Leben zu rufen.

In Kooperation mit Professor Dr. Peter Riedesser der Kinder- und Jugendpsy­chiatrie der Universität Hamburg und der IPPNW gründete sich bereits im Sep­tember 2003 der Verein "Children of Bag­dad der sich aus einer kleinen aktiven Gruppe aus Kinder- und Jugendpsychia­tern, Psychotherapeuten, Psychoanalyti­kern und Kinderärzten zusammensetzte,

in intensiver Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni­versität Hamburg, der Universität Bag­dad, der Universität Al-IVIustansirijah in Bagdad sowie dem irakischen Sozialmi­nisterium entwickelten wir ein Konzept für ein Behandlungszentrum in Bagdad. Auch das UNICEF-Büro in Bagdad bot uns seine Unterstützung an. Leider ver­schlimmerte sich die Sicherheitslage im Irak enorm, so dass wir gezwungen waren, die geplante Umsetzung des Pro­jektes zu ändern. Wir beschlossen das ursprüngliche Projekt in ein Projekt mit dem Ziel Hilfe zur Selbsthilfe umzuwan­deln. Dieses Projekt hat nunmehr seit drei Jahren Bestand. Inhalt ist die Ausbil­dung von Psychiatern und Psychologen aus dem Nahen Osten in psychodynami­scher Psychotherapie für Kinder- und Jugendliche. Die erste teilnehmende Gruppe hat im November 2007 die Fort­bildung erfolgreich mit einem Zertifikat der Universität Hamburg beendet.

Fast die Hälfte dieser Teilnehmer stammte aus dem Irak und nahm unter schwierigsten Bedingungen an den Fort­bildungen teil, die an unterschiedlichen Veranstaltungsorten im Nahen Osten stattfanden. Je nachdem in weichem Land die Sicherheitslage eine Lehrver­anstaltung dieser Art zuließ. Außer den Irakern beteiligten sich Kolleginnen aus Palästina, Syrien und Jordanien. Zu Be­ginn der Fortbildungen im Jahr 2004 fan­den sich 25 Teilnehmer in der Gruppe ein. Den Abschluss erreichten 20 von ihnen. Das Projekt war auf drei Jahre kon­zipiert, zweimal jährlich für jeweils zwei Wochen. Das erarbeitete Curriculum des Projektes ist angelehnt an das deutsche-sowie das europäische Curriculum für psychotherapeutische Ausbildung unter Berücksichtigung der kulturellen Dynamik der arabischen Gesellschaft.

Neben der intensiven Selbsterfahrung in Gruppen (dreimal täglich) sowie als Ein­zelsitzungen lagen die Arbeitsschwer­punkte in der Theorievermittlung und in den Supervisionen, die täglich zweimal stattgefunden haben. Die Kollegen aus dem Nahen Osten stellten ihre eigenen Fälle vor. Die Supervisionen orientierten sich vor allem an der Frage, wie es in therapeutischen Prozessen zu Verände­rungen kommt und wie diese zu verste­hen sind. Das Interesse der arabischen Kollegen an der Psychotherapie war sehr groß.

Es v,iurden verschiedenste Fragen von den Teilnehmern in die Gruppe getragen, unter anderem zum Beispiel die Frage, ob eine Einzeltherapie bei einer arabi­schen Frau durchführbar ist? Die arabi­schen Kollegen haben diese Frage mit "nein" beantwortet und den Lösungsvor­schlag formuliert, eine dritte Person an der Sitzung teilnehmen zu lassen, zum Beispiel eine Schwester, Mutter oder Freundin. Es wurden kulturelle Machbar­keiten in der Psychotherapie gesucht und oft auch gefunden.

Ein wichtiger Akzent bei den Fortbil­dungen lag auf der Behandlung trauma­tisierter Kinder, die angesichts der dra­matischen Ereignisse in der arabischen Welt und besonders im Irak nach dem Krieg 2003 notwendig geworden ist Wel­che seelischen Folgen die politische Situation im Irak mit sich gebracht hat, zeigte sich immer wieder in den Selbst­erfahrungsgruppen, in denen die iraki­schen Kollegen zunehmend offen über ihre Erfahrungen während der Herrschaft der Baathpartei, des Krieges und letzt­endlich während der Besatzung spra­chen. Die meisten der teilnehmenden ira­kischen Psychiater waren unter Saddam Hussein Militärärzte gewesen.

Die zweiwöchigen Seminare waren sehr intensiv, sowohl für die Teilnehmer als auch für die Dozenten. Die Fortbil­dungen gingen täglich von acht Uhr mor­gens bis 18 Uhr am Abend mit einer Stunde Mittagspause. Oftmals wurden jedoch spezielle Themen auch am spä­ten Abend noch in kleineren Gruppen leb­haft diskutiert. Die Zusammenkunft unter­schiedlichster Ärzte aus dem Nahen Osten führte auch zu lebhaften und humorvollen Gesprächen aus denen sich sogar Freundschaften entwickelten.

 

Zu Beginn des Projektes der ersten Fortbildung machte ich mir Gedanken über die kulturellen Unterschiede zwi­schen Europa und der arabischen Welt, da die Psychotherapie sowie die Psy­choanalyse ein Produkt der westlichen Kultur ist. Ich stellte mir deshalb die Frage, ob die Psychotherapie überhaupt in die arabische Welt übertragbar sei, denn die sprechende Medizin ist dort so gut wie unbekannt. Indem die Teilnehmer in den Selbsterfahrungsgruppen diese psychotherapeutische Methode auspro­bierten und ihre eigenen Erfahrungen sammelten, öffneten sie sich dieser neuen und ihnen unbekannten Thera­piemöglichkeit. Oft waren die Selbster­fahrungsgruppen und Einzelgespräche der erste Ort in ihrem Leben, an dem sie ohne Angst und ohne Kontrolle frei über ihr Erlebtes sprechen konnten.

In diesen Gruppen befanden sich Kur­den, Turkmenen, Syrer, Iraker. Jordanier und Palästinenser. Schiften, Sunniten und Christen arbeiteten produktiv zusammen. Die Organisation Children of Baghdad versteht ihre Ausbildung für Ärzte im Nahen Osten auch als Friedensarbeit. Die Finanzierung des Projektes wurde unter anderem vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der IPPNW unterstützt.

Dieses Engagement von Children of Baghdad, der Kinder- und Jugendpsy­chiatrie der Universitätsklinik Hamburg sowie der IPPNW soll in Zukunft weiter geführt werden. In Planung ist bereits ein neues Projekt, welches aus zwei Arbeits­einheiten bestehen soll. Die erste Arbeits­einheit soll sich wie das vorhergehende Projekt um die Ausbildung von Ärzten in Psychotherapie im Nahen Osten küm­mern. Die zweite Arbeitseinheit soll die sozialpädiatrische Komponente über­nehmen mit dem Schwerpunkt der psy­chotherapeutischen Behandlung.


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